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22.9.2014 : 4:09 : +0200

Nimisha Desai

Nimisha Desai | Indien

Begründung des Vergabebeirates

Der Stadtrat hat in seiner Sitzung am 18.07.2007 beschlossen, den Menschenrechtspreis 2007 Frau Nimisha Desai (Indien) zu verleihen. Frau Nimisha Desai, geboren 1962 im Bundesstaat Gudjarat studierte Sozialmanagement/ Verhaltenswissenschaften und Handel. Tätig in den Bereichen Menschenrechte, Gleichberechtigung, Gesundheit, Kinderarbeit und Bildung. Mitbegründerin der indischen Frauenrechtsorganisation OLAKH (Identität), Veranstalterin und Dozentin von Workshops und Seminaren zu den Themen Menschenrechte, Emanzipation und Gleichberechtigung.

OLAKH: Identität – Ein Platz für Frauen

Olakh ist ein gemeinnütziger, eingetragener Verein aus Vadodara im Staat Gujarat in Indien. „Olakh“ ist Gujarati und steht für Identität. Olakh ist eine Organisation von Frauen für Frauen, die wegen ihres Frau-Seins diskriminiert werden, unabhängig davon welcher Religion, sozialen Klasse oder Kaste sie angehören. Frauen werden oft Opfer von Gewalt, sei es strukturelle (basierend auf Geschlecht, Religion etc.), häusliche oder sexuelle. Olakh will Räume für Frauen schaffen – mentale, emotionale und physische Räume, wo Frauen Zuflucht finden, wo sie ihre Identität entwickeln, wo sie Heilung erfahren und wo sie lernen können, sich selbst und anderen Frauen zu helfen.

Olakh bezieht Inspiration für den Kampf für die Befreiung und Gleichberechtigung der Frau aus der Ideologie des Feminismus, des einzigen „-ismus“, der Frauenrechte als Menschenrechte begreift. Im Feminismus sieht Olakh den Weg zu Gleichberechtigung und Freiheit in Würde für alle, ein Weg der Stärkung und der spirituellen Entwicklung, die einzige Antwort auf die Unterdrückung durch das Patriarchat.

Im Kern dieser Ideologie steht der Gedanke, dass Frauen und Männer, unabhängig von ihrer Identität, gleich sind und auch so behandelt werden sollten. Das bedeutet nicht, dass das Patriarchat durch ein Matriarchat ersetzt werden soll, dass eine Abneigung gegen Männer besteht oder dass Frauen männliche Werte übernehmen sollen. Es bedeutet einfach, dass wir eine Gesellschaft fordern, in der beide Geschlechter ihre Entscheidungen treffen können, ohne dabei durch ihre geschlechtliche Identität eingeschränkt zu werden.

Das Leben der Frauen dreht sich um die Familie, um Ehemann und Kinder. Heirat um jeden Preis ist der wichtigste Bestandteil der sozialen Identität und bestimmt ihren Status. Das lässt Frauen wenig oder gar keinen Raum, ihr eigenes Potenzial zu entwickeln.

Wir sehen das Private als das Politische und das Politische  als das Private. Es geht um die Stärkung der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft.

Olakh’s Arbeit begann 1996 und umfasst gegenwärtig folgende Bereiche:

1. Feministisches Dokumentations- und Ressourcenzentrum

Das Zentrum verfügt heute über eine beträchtliche Sammlung von mehr als 10.000 Bänden Erzähl- und Dokumentationsliteratur sowohl als Buch als auch in Audio- und Videoform zum Thema Frau. Das Zentrum dient Akademikern, Forschern und Aktivisten sowie 600 Studenten jährlich als wichtige Ressource. Es ist aber auch anderen zugänglich durch mobile Mini-Bibliotheken, und selbst Menschen, die nicht lesen können, werden durch Lese-Workshops mit einbezogen.

2. Feministisches Beratungs- und Interventionszentrum

Unsere Arbeit beinhaltet auch Beratungs- und Interventionsdienste für Frauen, die emotionale Unterstützung und Heilung brauchen und/oder Opfer von Gewalt geworden sind. Wir unterhalten einen kostenfreien Telefondienst, wir bieten Beratung in Einzelgesprächen, wir machen Hausbesuche und unterhalten ein offenes Zentrum, bei dem Frauen spontan vorbeikommen können. Jedes Jahr werden etwa 2000 Frauen betreut, wobei wir jeden Monat 25 Fälle haben, die intensive Betreuung brauchen.

3. Frauen-Gemeinschaftsaktion für Gerechtigkeit

Hier gehen wir Probleme auf der lokalen Ebene an. Frauen verschiedener Religionen kommen zusammen, um gemeinsam etwas gegen Gewalt gegen Frauen zu tun, wie sie hauptsächlich in religiösen oder Kasten-Konflikten auftritt. Sie artikulieren ihre Rechte, und das gesamte lokale Gemeinwesen wird zu einem Schutzort, an dem Heilung stattfinden kann.

Das hat bis heute dazu geführt, dass 120 Frauen, die einst Opfer waren, selbst aktiv für Veränderungen in den Gemeinden und der Gesellschaft arbeiten.

4. Katastophenhilfe

Olakh spielt eine bedeutende Rolle in der Katastrophen-Nothilfe im Gujarat. In den letzten 5 Jahren gab es im Gujarat sowohl Naturkatastrophen als auch von Menschen gemachte: das Erdbeben von 2001, das Blutbad durch Kämpfe 2002 und die Überflutungen 2005. Olakh hat direkte Hilfe für über 11.000 betroffene Familien in ländlichen und städtischen Gebieten geleistet. Außerdem haben wir ein Programm aufgelegt, dass sich der langfristigen Bedürfnisse der psychosozialen Betreuung, der Bildung, der Versöhnung und der Selbsthilfe annimmt.

5. Ausbildung, Workshops, Kampagnen

Wir erreichen 50.000 Menschen durch Programme, die das Problembewusstsein erhöhen sollen, wie zum Beispiel Kampagnen, Workshops, Seminare, Konferenzen, Lobbying.

Die Einzigartigkeit von Olakh liegt darin, Räume zu schaffen für Frauen aller Religionen und Kasten, Ethnien und sozialer Klassen, in denen sie das Schweigen brechen und ihre Stimme erheben können gegen die Ungerechtigkeit, die sie außerhalb oder innerhalb ihrer Familie erfahren und endlich ihr Leben in die eigene Hand nehmen können.

Olakh bemüht sich um flache und transparente Strukturen und hat heute 12 Vollzeitarbeiter und 15-20 nationale und internationale Studenten/Praktikanten und 25 ehrenamtliche Helfer pro Jahr.