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18.5.2012 : 18:42 : +0200

Laudatio von Monika Hauser, medica mondiale e.V.

[...] es ist mir eine grosse Freude, heute die Laudatio auf diese außergewöhnliche Frau zu halten. Ich möchte zunächst die Stadt Weimar beglückwünschen, dass Sie heute diese mutige Menschenrechtlerin auszeichnen. Für diese Auszeichnung 2007 stehen Solidarität, feministische Visionskraft und die Fähigkeit, Brücken zu bauen.

Ich möchte mit einer kleinen Geschichte beginnen, die sehr viel aussagt über die heute hier Ausgezeichnete. Eines Tages wurde Nimisha Desai klar, dass sie nicht mehr nur in den Institutionen, in denen sie bis dato tätig war, sich mit ihrer ganzen Energie für die Umsetzung von Frauenrechten einsetzen will, sondern ihr Ziel besser erreichen kann, wenn sie sie in den Aufbau einer eigenen Organisation investiert. An diesem Tag sah sie eine Frau in ärmlichen Sari auf einem Fahrrad vorbeifahren, was völlig ungewöhnlich ist und stoppte sie. Sie sagte zu der Frau, die eine sog. Unberührbare, eine Dalit war, dass sie solche Frauen wie sie suche und ob sie mit ihr arbeiten wolle. Diese Frau war Analphabetin, aber sie hatte viele Fähigkeiten, die zu einem Projektaufbau nötig sind. Natürlich hatte sie diese, denn der Überlebenskampf ist nur zu bestehen mit viel Zähigkeit, Beharrlichkeit, Intelligenz, Überzeugungskraft und innerer Stärke. Diese Eigenschaften zeichnen auch Nimisha Desai aus – und so kamen die besten Fähigkeiten der gut gebildeten Oberschichtsfrau und die der Dalitfrau zusammen! Kurz und gut: Diese „Unberührbare“, die nicht lesen und schreiben konnte, wurde zu einer Mitbegründerin von Olakh. Diese Transformation, also Umwandlung auf der individuellen Ebene ist eines des Hauptziele von Frau Desai, weil nur durch sie auch die gesellschaftliche Veränderung möglich werden kann. Später kamen dann noch viele weitere Aktivistinnen aus verschiedenen Klassen und Kasten dazu, im Kampf um Gleichberechtigung fanden sie eine gemeinsame Identität. Diese Geschichte hätte Ihnen Nimisha wohl eher nicht erzählt. Ihr ist es wichtig, nicht so sehr als Einzelperson hervorgehoben zu werden, was einerseits ihre Bescheidenheit auszeichnet, aber auch deutlich machen soll, dass solche Organisationen wie Olakh nur wirken können, weil viele Frauen beteiligt sind und den Gründerinnengedanken mit ganz individueller Hingabe weitertragen.

Einige Fakten: in Indien werden jedes Jahr ca. 25.000 junge Frauen wegen Mitgiftstreitigkeiten verstümmelt oder ermordet, das sind ca. 70 Frauen am Tag (FES), circa eine halbe Million weiblicher Feten werden pro Jahr abgetrieben oder als Babys ermordet (Lancet/UN), sodass etwa 40 Millionen Frauen in Indien in den letzten Jahren diesem Femizid zum Opfer gefallen sind.

Während der blutigen Pogrome in Gujarat 2002 sind unzählige muslimische Frauen durch Hindus vergewaltigt worden . Diese Verbrechen gelten nach indischem Recht nicht als Vergewaltigung, was es den Opfern extrem erschwert, vor Gericht Wiedergutmachung zu fordern. Die Frauen von Olakh haben damals schnell reagiert und bereits 4 Tage nach Beginn der Pogrome im März 2002 liefen ihre Hilfsprogramme an – zu einem Zeitpunkt, wo ausschließlich muslimische Organisationen halfen. Dies war ganz anders gewesen nach dem Erdbeben 2001, wo sich alle Organisationen an der Hilfe beteiligten – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit. Hier agierte Olakh als säkulare Vorreiterin, die damit ein klares Zeichen der Übernahme von Verantwortung als Teil der Zivilgesellschaft setzte.

Noch eine Zahl: 40% aller Frauen in Indien (ai) geben an, ständiger häuslicher Gewalt ausgesetzt zu sein - diese Zahl kommt Ihnen sicher bekannt vor, denn sie ist die gleiche wie in Deutschland! Die reale Zahl in Indien ist sicherlich weitaus höher als 40%. Häusliche Gewalt heisst strukturelle, psychische, physische oder sexualisierte Gewalt wie Inzest oder Gewalt in der Ehe. Diese Gewaltformen sind systemimmanent, d.h. sie gehören einfach dazu, zum System der patriarchalen Gesellschaftsform. Diese weist den Geschlechtern durch eine rigide Geschlechterkonstruktion Rollenstereotypien wie ein Korsett zu, in der Männer die Kontrolle und Macht haben, Macht über die Frauen, die Kinder, die Natur, die Ressourcen, dies schliesst dann zB auch das Erstzugangsrecht zum Frauenkörper ein. Und den Frauen wird in diesem Korsett die Aufgabe der Reproduktion der Familie und ein zu erfüllendes Schönheitsbild zugewiesen, was mit Demut und Selbstaufgabe verbunden sein soll, damit verbunden ist die Selbst-Definition der Frauen über die Zugehörigkeit zu Männern. In diesem Geschlechtergefüge sind sie eindeutig weniger wert. Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen und Mädchen werden nicht als solche definiert, da sie als Kommunikationsform zwischen den Geschlechtern stillschweigend akzeptiert werden. Zumindest solange es keinen öffentlich hör- oder sichtbaren Protest dagegen gibt. Die indischen Frauen aber protestieren, schon lange und sehr laut!

Die indische Frauenbewegung ist seit Jahrzehnten extrem pluralistisch und sehr lebendig. Und da gibt es Vorreiterinnen, Frauen, die mit ihrer inneren Kraft und einer politischen Vision andere mit sich reissen –da gibt es eben Nimisha Desai. Einer der Leitsprüche von Olakh lautet: „Trough the Eyes of Women, it is another way of seeing, it is another way of knowing“ - also „mit den Augen von Frauen, ist es eine andere Art der Sicht, eine andere Art des Wissens“. Genau das war der Grund, warum Frau Desai 1993 den Grundstein für die Organisation Olakh gelegt hat. Weil die Erfahrungen der allgegenwärtigen Gewalt und die der eigenen Ohnmacht für Frauen eine andere Sichtweise auf das Leben bedingen und diese Sichtweise nirgendwo einen Platz erhält, außer wir schaffen ihn selber. Aus der Verletzung und dem Trauma heraus, entstehen Kräfte, die neue Optionen für das Überleben schaffen können. Um diese eigenen Kräfte entwickeln und sie aus der Tiefe der verletzten Seele mobilisieren zu können, dafür braucht es geschützte Räume – Räume wie Olakh! Und es braucht Frauen, die andere Frauen in dieser Entwicklung unterstützen und begleiten, denn dann können diese meistens ihren Weg ganz alleine weitergehen. Die Kluft zwischen der Macht der Männer und der so offensichtlichen Ohnmacht der Frauen zwang Nimisha Desai sozusagen in das Handeln hinein. Ihre innere Stärke machte es dann ganz einfach, die richtigen Schritte zu tun – und Mit-Kämpferinnen zu finden, die mit ihr gemeinsam die Vision vorwärts bewegen. Eine Vision, die Nimisha Desai sehr deutlich als feministische bezeichnet. Damit meinen die Frauen von Olakh die Schaffung einer Gesellschaft, die auf der Akzeptanz von Unterschiedlichkeit und Gleichheit fußt, „Celebrate inclusion“ heißt einer ihrer Grundsätze. Frei übersetzt heißt das: Wir feiern unsere Offenheit, wir möchten niemanden ausschließen, wir nehmen alle mit. Was übrigens sehr viel erfolgsversprechender einen dauerhaften sozialen Frieden sichern kann, als Ausgrenzung bestimmter Gruppen oder der Einführung paranoider Überwachungsmethoden.

Mit feministischer Vision ist weiter gemeint, dass die existierenden Strukturen analysiert und verändert werden müssen, Strukturen der Diskriminierung wegen des Geschlechts, wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse und Kaste, wegen der Religion und der Ethnie. Wir sprechen von Indien, einem Land, in dem es nach wie vor sehr scharfe soziale Trennungen mittels eines Kastensystems gibt. Damit meint Olakh weiter, dass neue Formen der Beziehungen untereinander gefunden und geschaffen werden müssen und dass dazu auch die entsprechenden Institutionen einbezogen werden müssen.

Das bedeutet für die tägliche Arbeit von Olakh, dass betroffenen Frauen mit einer Haltung begegnet wird, die sie weit mehr als Akteurinnen sieht denn als pure Opfer. Bedeutet, dass ihre Ressourcen, ihre Stärken, die eine jede Frau in sich trägt, mit ihr zusammen aufgespürt werden, damit sie diese dann viel bewusster einsetzen und auch tatsächlich ihre Opferrolle hinter sich lassen kann. Darüberhinaus ermöglicht dieses Empowerment (Stärkung) auch, dass Frauen oft noch einen Schritt weiter gehen können, um als change agent (zu deutsch: als aktive Betreiberin von Veränderungsprozessen) bei Kampagnen und andere Aktivitäten selbst zur gesellschaftlichen Veränderung beizutragen. Und noch etwas ist wichtig: das Bewusstsein darüber, dass bei aller Unterschiedlichkeit der Frauen nach Alter, Beruf oder Kaste wir in Sachen sexualisierter Gewalt alle „in einem Boot“ sitzen. Von dieser Gewalt können wir alle betroffen sein. Echte Solidarität gelingt nur aus einer nicht marginalisierenden Haltung heraus und aus gemeinsamer Verantwortung füreinander.

Olakh begann seine Aktivitäten in Regionen, wo die Armut sehr hoch war, Frauen von extremer Gewalt betroffen waren mit den entsprechenden Folgen von Zerstörung, einer bestimmten schwierigen Zusammensetzung der Bevölkerung und vor allem der Tatsache, dass andere Organisationen dort noch nicht tätig waren. Und es vor allem keine Gerechtigkeit im Sinne von Gerichtsbarkeit für Frauen gab. Einzigartig ist, wie Olakh das Modell der Nari Adalat weiterentwickelt hat, einer außergerichtlichen Mediation durch Frauen, entstanden Anfang der 80er Jahre aus einer emanzipatorischen Bewegung von Unterschichtsfrauen heraus. Diese Formen der kollektiven Frauengerichte von Olakh halte ich für eine revolutionäre Form der Rechtsprechung für von Gewalt betroffene Frauen verbunden mit einem Bewusstseinsprozess in den jeweiligen Gemeinden, der entscheidend zum sozialen Frieden für Frauen und Männer führen kann. dazu mehr dann von der Preisträgerin.

Hier zeigt sich Nimisha Desais unglaubliche Kraft, Menschen zusammen und sie in Kommunikation zu bringen, mit dem Ergebnis, dass sie Verantwortung übernehmen. Sie spricht Menschen sehr direkt an, und zwar so, dass sie sich öffnen können – unbesehen ihrer Ethnie, Schicht oder Klasse. Aber darum geht es ja genau, eben auch das Unterschiedlich-Sein im Kontext von Machtstrukturen und –beziehungen anzuerkennen – was nicht ohne inneren Reflektionsprozess gelingen kann. Das ist dann auch oft mit Schmerzen verbunden, denn es stimmt einfach nicht, dass „zusammenwächst, was zusammengehört“ – dies ist ein Prozess, der aktiv und sehr bewusst durchschritten werden muss. Es zeichnet die innere Kraft der Macherinnen von Olakh aus, dass sie nach den Pogromen 2002 genau diese Notwendigkeit eines inneren Reifeprozesses sahen, sprich ihre eigene Struktur in punkto religiöser Zusammensetzung zu diskutieren und eigene Anschauungen zu hinterfragen. Dies hieß und heißt für die Mitarbeiterinnen und Aktivistinnen auch oft, persönlichen Anfeindungen bis massiven Drohungen auch innerhalb der eigenen Familie und Gemeinde ausgesetzt zu sein. Solche schwierigen Entwicklungen können nur gelingen, wenn sie nicht aufgesetzt sind. Und das schätze ich in hohen Masse an Nimisha Desai, ihre Authentizität und, vor allem: sie ist nicht korrumpierbar – sie lebt ihre feministische Integrität, auch wenn dies für die internationalen Geldgeber manchmal schwer zu schlucken ist! Dies bedeutet selbst negative Konsequenzen für ihr persönliches Leben hinzunehmen! Eine ihrer grössten Herausforderungen ist es – und hier spreche ich durchaus auch aus schmerzhafter eigener Erfahrung – das innere Gleichgewicht zu bewahren im Spannungsfeld unseres alltäglichen Engagements, wo jede Faser des eigenen Lebens davon erfüllt ist – es geht um Berufung, und nicht um Beruf!

Eine hohe Qualität ist auch ihre Kunst des Networkings, also Netzwerke zu schaffen für fachlichen Austausch, um gemeinsame konzeptive Wege zu gehen, und politische Veränderung zu erreichen. Dies kennzeichnet auch die intensive Kooperation und innere Verbindung zwischen unseren beiden Organisationen, mit dem Ziel verstärkt auf die Realisierung von gemeinsamen Visionen hinzuarbeiten!

In westeuropäischen Ländern, eben auch in der Bundesrepublik Deutschland, registriere ich immer wieder eine Überheblichkeit. „Wir“, die aufgeklärten Industrieländer und „die“ mit ihren mittelalterlichen Sitten und Bräuchen. Das mag in einigen Bereichen sicher völlig berechtigt sein, ist es das aber auch auf dem Gebiet der Menschenrechte? Der Menschenrechte von Frauen? Die Leiden der indischen oder afghanischen Frauen erscheinen weit weg, haben gar etwas Exotisches. Aber ist diese westliche Arroganz berechtigt? Wie nahe ist das Leiden Tausender versklavter osteuropäischer junger Frauen, die von skrupellosen Zuhältern in deutschen Grosstadt-Bordellen angeboten werden? Oder dasjenige von tschechischen Kindern, die von deutschen Männern an der deutsch-tschechischen Grenze vergewaltigt werden. Und was ist mit dem Leiden tausender Mädchen und Frauen, die das jahrelange Trauma von Inzest und häuslicher Gewalt ertragen müßen?

Im Jahre 2006 wurden fast 400 Frauen von ihren deutschen Ehemännern ermordet. Wenn es sich um deutsche Ehemänner handelt, heißen diese Verbrechen übrigens Beziehungstaten oder Familiendrama, bei türkischen sind es Ehrenmorde – aber auch ein Ehrenmord ist eine Beziehungstat und geht es vielleicht auch bei Beziehungstaten und Familiendramen oft um die vermeintliche deutsche Männerehre? Das Konstrukt der Ehre verbindet Männer aller Herren Länder auf diesem Globus!

Häusliche Gewalt wird in Deutschland gerade mal seit sechs Jahren polizeilich erfasst, die erste Studie, die auch das Dunkelfeld der Gewalt aufklärt, wurde 2004 (!) vom Frauenministerium in Auftrag gegeben. Ein Ergebnis: Jede siebte Frau wird in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung. Wissen Sie eigentlich, wann hierzulande das Gesetz eingeführt wurde, welches Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe stellt? Das war 1997! Und möglich wurde es auch nur, weil eine überparteiliche Fraueninitiative dies durchboxte. Also kein Grund für Überheblichkeit.

Und was sind unsere Prioritäten hierzulande, wenn es um die fachliche Unterstützung und die Menschenrechte betroffener Frauen geht? Das Geld wird für millionenschwere Hauptstadt-Bahnhöfe ausgegeben, doch gleichzeitig werden die dringend benötigten Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser in der ganzen Republik geschlossen, weil ihnen die finanzielle Unterstützung entzogen wird. Es sind die Frauen der kleinen Organisation Karo, die sich um die Überlebenden von sexueller Ausbeutung an der deutsch-tschechischen Grenze kümmern. Sie sind aktuell von der Schließung bedroht, weil ihnen finanzielle Mittel gestrichen wurden. Wie kann es sein, dass diejenigen, die die Aufräumarbeit von soviel Männergewalt weltweit machen, sich auch noch mit ständigen Finanzsorgen rumplagen? Die Frauen von Olakh, von medica mondiale und von Karo erledigen eine Arbeit, die sie auch für den Rest der Welt tun!

Ein wichtiges Signal, was von Olakh und Nimisha Desai ausgeht, ist: Veränderung ist erkämpfbar – mit einer klaren Vision und Integrität. Aber es braucht Menschen dazu wie Nimisha Desai, die nicht nur Brücken bauen – sie ist selber mit ihrer Person die Brücke! Wir können von ihr lernen, dass Dialog unersetzlich ist, mit aller gebotenen Akzeptanz der Unterschiedlichkeiten, auf dem Boden einer eigenen klaren Positionierung.

Die Würdigung der Arbeit von Frau Desai und ihren Kolleginnen fordert uns alle heraus: Schauen Sie hin und nicht weg! Haben Sie den Mut sich einzumischen, auch wenn es vermeintlich peinlich ist, Themen laut und öffentlich zu benennen!

Den Frauen möchte ich sagen: ent-solidarisieren Sie sich nicht von anderen Frauen wegen vermeintlich trennender Unterschiede und Sichtweisen!

Und an die Männer: ächten Sie Gewalt und greifen Sie ein! Solidarisieren Sie sich mit Frauen und denken Sie darüber nach, welchen Stellenwert Sie Frauen wirklich geben – seien Sie für Ihre Söhne gute Rollen-Vorbilder.

Vielen Dank, liebe Nimisha, für Deine unermüdliche Arbeit und möge Deine kraftvolle Vision auch Inspiration für uns alle sein!